Taguchi Hiro verlässt nach zwei Jahren erstmals wieder das Zimmer im Haus seiner Eltern. Menschenansammlungen vermeidet er; lieber setzt er sich in den Park und beobachtet andere aus sicherer Entfernung. Wie Ōhara Tetsu, einen Salaryman, der, seit er arbeitslos ist, jeden Tag im Park verbringt, um abends pünktlich nach Hause zu seiner Ehefrau zurückzukehren.
Ein beinahe unbeabsichtigtes Nicken führt zum Gespräch, das erst ein halbes Jahr später wieder enden wird. Jeden Tag treffen sich der junge und der ältere Mann im Park und erzählen einander ihre Lebensgeschichten.
Der Autorin Milena Michiko Flašar ist es mit ihrem Roman überaus gut gelungen, einzig durch die Erzählungen der beiden Männer eine Gesellschaftskritik zu formulieren, die kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse ebenso wie Alltagssexismus und Gewalt in den Blick nimmt. Mit dem Hikikomori Taguchi Hiro und dem Salaryman Ōhara Tetsu hat sie zwei Figuren geschaffen, die gleichzeitig Betroffene und Täter in einer durch unterschiedliche Diskriminierungsverhältnisse strukturierten Welt sind. Obwohl beide in ihrem Leben viele Verluste hinnehmen mussten, erkennen sie, dass (die Möglichkeit der) Freundschaft und Liebe auch für sie weiterbesteht und sie nie wirklich so einsam sind, wie sie sich manchmal fühlen. So bleibt neben der Überforderung durch das andauernde Funktionieren-müssen Platz für das gute Gefühl, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, und vielleicht sogar ein anderes Leben möglich sein kann.
Wir freuen uns sehr, bei unserer ersten Lesung Milena Michiko Flašar begrüssen zu dürfen, die aus ihrem neuen Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ lesen wird.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem feministischen Referat der Österreichischen Hochschüler_innenschaft statt.
Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte, 140 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach 2012